Raus aus dem Dauerstress! Wirkungsvolle Maßnahmen für KMU
66 % der Menschen in Deutschland fühlen sich manchmal oder häufig gestresst. Unter den 18-39-Jährigen sind es sogar 83 % (Techniker Krankenkasse [TK], 2025). Gleichzeitig gelingt es nur wenigen, gesund damit umzugehen. In Brandenburg schaffen es laut DKV‑Report 2025 lediglich 22,3 % der Befragten, Stress wirksam zu regulieren (Froböse & Wallmann-Sperlich, 2025).
Diese Zahlen sind alarmierend angesichts der Tatsache, dass Stress Auslöser zahlreicher Erkrankungen ist und somit sowohl unser körperliches als auch mentales Wohlbefinden einschränkt (Brinkmann, 2021). Dabei spielt der Beruf eine zentrale Rolle, denn Arbeit zählt zu den Hauptursachen von Stress. Nicht nur ein Übermaß an Arbeit, sondern u.a. auch Termindruck, häufige Unterbrechungen, Überstunden und Informationsflut belasten dabei Arbeitnehmende (TK, 2025). Letzteres kann auch auf die zunehmende Digitalisierung der Arbeitswelt zurückgeführt werden. Denn Prozesse wandeln und beschleunigen sich, neue digitale Tools werden eingesetzt, sodass wir immer mehr Informationen auf schnellere Weise verarbeiten müssen. Es kommt zur Arbeitsverdichtung. Dies wird auch als digitaler Stress bezeichnet (Bausch, 2024).

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, können auch Betriebe einiges unternehmen. Doch bevor wir Tipps und Anregungen geben, möchten wir das Konzept von Stress näher beleuchten.
Was ist Stress?
Stress wurde historisch aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. Frühere, reaktionsorientierte Ansätze beschrieben Stress als körperliche Kampf‑oder‑Flucht‑Reaktion auf Bedrohungen (Brinkmann, 2021). Hans Selye prägte anschließend den Begriff der „Stressoren“ und entwickelte das dreiphasige Stressmodell aus Alarmreaktion, Widerstand und Erschöpfung (Brinkmann, 2021). Diese frühen Modelle fokussierten vor allem körperliche Prozesse.
Neuere Ansätze betonen dagegen die mentale und subjektive Komponente. Die Stresstheorie nach Lazarus & Folkman (1984) versteht Stress als Ergebnis einer Bewertung. Die Anforderungen der Umwelt treffen auf die individuelle Fähigkeit, diese zu bewältigen. Erst wenn Anforderungen die eigenen Ressourcen zu übersteigen scheinen, entsteht Stress (Probst, 2022). Das erklärt, warum Menschen dieselbe Situation unterschiedlich erleben.
Stress ist nicht grundsätzlich negativ
Zentral ist hierbei die Unterscheidung zwischen Eustress und Distress. Während Distress als belastend und überfordernd erlebt wird, beschreibt Eustress positiven, aktivierenden Stress, der Motivation und Leistungsfähigkeit fördern kann (Brinkmann, 2021).
Wie stark Stress erlebt wird, hängt zudem von vorhandenen Ressourcen und Bewältigungsstrategien ab, wie beispielsweise von der eigenen Selbstwirksamkeit, Resilienz, der sozialen Unterstützung oder einer guten Arbeitsorganisation. Individuelle und soziale Ressourcen können Anforderungen abfedern und das Stresserleben reduzieren (Lazarus & Folkman, 1984).
Stress lässt sich somit definieren als „jedes Ereignis, in dem äußere oder innere Anforderungen die Anpassungsfähigkeit eines Individuums beanspruchen oder übersteigen“ (Probst, 2022, S. 9).
Stress ist dabei kein fixer Zustand, sondern ein dynamischer Prozess aus Anforderungen, Bewertung und verfügbaren Ressourcen.
Was tun bei Stress?
Durch die Definition wird deutlich, dass bei der Stressbewältigung im Innen (bei den Individuen) oder im Außen (in ihrer Umwelt) angesetzt werden kann. Es können sowohl die individuellen Bewältigungs- und Anpassungsfähigkeiten gestärkt werden, also auch die externen Gegebenheiten und Anforderungen angepasst oder reduziert werden.
Im betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) unterscheidet man daher die Verhaltens- und Verhältnisprävention. Während die Verhaltensprävention an der Veränderung des Verhaltens der Mitarbeitenden ansetzt, adressiert die Verhältnisprävention die Arbeitsumgebung (siehe Abbildung 1).

Was eignet sich für KMU?
Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) stehen in Bezug auf das Stressmanagement im Rahmen ihres BGM vor besonderen Herausforderungen, da sie häufig mit knappen Budgets auskommen müssen, spezialisiertes Personal womöglich fehlt und eine große operative Belastung besteht. Nichtsdestotrotz können auch KMU Maßnahmen angehen, um Stress innerhalb der Belegschaft zu reduzieren. Basierend auf Uhle & Treier (2019) können wir folgende Tipps an die Hand geben:
1. Mit einer einfachen Standortanalyse beginnen: Kleine Schritte, große Wirkung
Bevor Maßnahmen geplant werden, sollten KMU zunächst verstehen, wo ihre spezifischen Herausforderungen liegen. Bereits eine kompakte Standortanalyse in Form eines kurzen Fragebogens zu Belastungen oder eines Teamworkshop zu aktuellen Herausforderungen hilft enorm, um herauszufinden, welche besonderen Stressoren im Betrieb bestehen.
2. Gezielt vorgehen statt alles gleichzeitig: Prioritäten klar setzen
Viele KMU fühlen sich von der Vielzahl möglicher Maßnahmen überfordert. Die Literatur zeigt jedoch klar, dass Fokussierung der Schlüssel ist. Auf Basis der Standortanalyse sollten nur ein bis zwei prioritäre Handlungsfelder pro Jahr gewählt werden, idealerweise jene, die sowohl belastungsseitig kritisch sind als auch schnell verbessert werden können. Typische Problemfelder in KMU sind psychosoziale Belastungen und Erschöpfung. Ein klarer Fokus erleichtert die Umsetzung und erhöht die Wirksamkeit.
3. Verhalten und Arbeitsbedingungen gemeinsam adressieren: Die Doppelstrategie
Ein häufiges Missverständnis im BGM besteht darin, sich nur auf individuelle Maßnahmen wie Kurse zu konzentrieren. Doch die Kombination von Verhaltens- und Verhältnisprävention ist entscheidend. In KMU bedeutet das: nicht nur Workshops zu Stresskompetenz und Resilienz anbieten, sondern parallel Arbeitsbedingungen optimieren. Dazu gehören klare Prozesse, Pausenregeln oder transparente Arbeitszeitmodelle. Die Doppelstrategie sorgt dafür, dass individuelle Verhaltensänderungen im Alltag nicht verpuffen.
4. Gesunde Führung als stärkster Hebel: Kleine Veränderungen, große Effekte
Führung ist einer der wichtigsten Einflussfaktoren für die Gesundheit der Belegschaft, unabhängig von der Unternehmensgröße. Führungskräfte prägen durch Verhalten, Kommunikation und Organisation den Alltag. Gleichzeitig fehlt ihnen häufig Zeit oder Wissen für gesundheitsgerechte Führung. KMU können hier mit kleinen, praxisnahen Maßnahmen wie beispielsweise regelmäßige Mitarbeiter- und Teamgespräche und wertschätzendes Feedback große Wirkung erzielen. Gute Führung wirkt präventiv gegen Stress, Burnout und Konflikte und stärkt Motivation und Bindung. Mehr zum Thema finden Sie im Artikel Fachkräftesicherung für ein gesundes Betriebsklima.
5. Niedrigschwellige Stressmanagement-Angebote integrieren: Alltagsnahe Lösungen
Stress, Müdigkeit und Schlafprobleme sind laut Uhle & Treier zentrale Gesundheitsrisiken. Rund 47 % der Beschäftigten berichten über regelmäßige Erschöpfung oder Schlafstörungen. Deshalb eignen sich gerade für KMU kurze, leicht integrierbare Maßnahmen besonders gut: Mikropausen, Atemübungen, kurze Schulungen zum Zeitmanagement oder eine unternehmenseigene „Ruhezeit“ ohne E-Mail-Erwartungen. Solche Mini-Interventionen funktionieren ohne große Budgets und können dennoch das Stressniveau spürbar senken.
Sie möchten raus aus dem Dauerstress und passende Maßnahmen für Ihren Betrieb identifizieren? Wir beraten Sie gerne. Nehmen Sie einfach mit uns Kontakt auf.
Quellen:
Bausch, D. (2024). Digitaler Stress: Schattenseite der neuen Arbeitswelt. Haufe-Lexware.
Brinkmann, R. (2021). Angewandte Gesundheitspsychologie (2. Auflage). Pearson.
Froböse, I., & Wallmann-Sperlich, B. (2025). DKV-Report 2025: Wie gesund lebt Deutschland? DKV Deutsche Krankenversicherung. https://www.dkv.com/downloads/DKV-Report-2025-Bericht.pdf
Lazarus, R. S., & Folkman, S. (1984). Stress, appraisal, and coping. Springer.
Probst, C. (2022). Coping im Kontext von Zeitmanagement und dem Konzept der Achtsamkeit – eine qualitative Studie zu Stress am Arbeitsplatz, Arbeitspapiere der FOM (Vol. 84). FOM Hochschule für Oekonomie & Management. https://www.econstor.eu/handle/10419/262145
Techniker Krankenkasse. (2025). TK-Stressreport 2025. Techniker Krankenkasse. https://www.tk.de/presse/themen/praevention/gesundheitsstudien/stressreport-2025-2206714
Uhle, T., & Treier, M. (2019). Betriebliches Gesundheitsmanagement: Gesundheitsförderung in der Arbeitswelt – Mitarbeiter einbinden, Prozesse gestalten, Erfolge messen (4. Auflage). Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-25410-0